Erfahren Sie mehr über den gemeinsamen Kulturraum Wittelsbacher- und Dachauer Land

Die „Wiege Altbayerns", so wird die Region im Nordwesten von München – in Anspielung an das Adelsgeschlecht der Wittelsbacher, das hier seinen Stammsitz hat – gerne bezeichnet. Tatsächlich waren es die neu geschaffenen Herrschaftsstrukturen, die nach der Belehnung des wittelsbachischen Pfalzgrafen Otto VI. mit dem Herzogtum Bayern im Jahr 1180 die territorialgeschichtliche Entwicklung dieses Gebietes prägen sollten. Die neuen Landesherren gründeten u.a. die Stadt Friedberg (1264) zur Grenzsicherung gegen das Hochstift Augsburg, verliehen Dachau die Marktrechte (vor 1270) und erhoben Aichach zur Stadt (1347). Zudem konnten sie im Laufe der Jahrhunderte Rechte und Besitzungen anderer bayerischer Adelsfamilien (z.B. der Welfen und der Grafen von Dachau) an sich bringen und somit ein in sich weitgehend geschlossenes und politisch konsolidiertes Herrschaftsgebiet aufbauen. Im Zuge ihrer Verwaltungsorganisation schufen sie außerdem sogenannte Landgerichte, aus denen später die Bezirksämter und schließlich die heutigen Landkreise Dachau und Aichach-Friedberg hervorgehen sollten.

Die beiden Landkreise blicken jedoch nicht nur auf eine weitgehend parallele geschichtliche Entwicklung zurück, sie können auch auf gemeinsame kulturelle Traditionen verweisen. Die sanft geschwungene Hügellandschaft mit ihren fruchtbaren Böden erlaubte eine ertragreiche Landwirtschaft mit Ackerbau und Viehzucht. Auf der Grundlage dieser naturräumlichen Voraussetzung entstanden seit dem Mittelalter zahllose Dörfer, Weiler und Einödhöfe, die bis heute die Siedlungsstruktur des Landstriches zwischen Pöttmes im Norden und Dachau im Süden, Friedberg im Westen und Haimhausen im Osten bestimmen. Die bäuerlich geprägte Lebensweise fand ihren Niederschlag u.a. in gleichartigen bzw. ähnlichen Wohn- und Arbeitsweisen, Trachten und Dialekten, Volksliedern und Volkstänzen. Bedeutende Klöster wie in Indersdorf, Altomünster, Taxa, Kühbach oder Blumenthal legten bis zu ihrer Auflösung zu Beginn des 19. Jahrhunderts darüber hinaus den Grundstock zu einer tief verwurzelten Volksfrömmigkeit, die bis heute in zahlreichen Flurkreuzen und Feldkapellen, vor allem aber in bedeutenden Wallfahrtskirchen wie St. Leonhard in Inchenhofen, Maria Birnbaum in Sielenbach, Herrgottsruh in Friedberg oder Mariabrunn bei Röhrmoos ihren Ausdruck findet.

Seit dem späten 19. Jahrhundert ist jedoch auch diese Region von einem starken Strukturwandel gekennzeichnet. Begünstigt durch ein dichtes Verkehrsnetz – Bahnlinien, Bundesstraßen und Autobahnen durchziehen bzw. umrahmen das Gebiet – erfolgte eine immer stärkere Ausrichtung auf die Metropolen München und Augsburg. Gerade diese neuen wirtschaftlichen Verflechtungen hatten wesentlichen Anteil daran, dass bereits 1944 der Altlandkreis Friedberg und bei der Gebietsreform 1972 schließlich auch der neu gegründete Landkreis Aichach-Friedberg von Oberbayern nach Schwaben umgegliedert wurden. Dabei wechselten auch mehrere Gemeinden ihre Kreiszugehörigkeit. Über all solche Veränderungen hinweg sind in den beiden Landkreisen jedoch bis heute die gemeinsamen kulturellen Wurzeln allerorten spürbar.


Michael Ritter
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent für Regionalkultur beim Bayerischen Landesverein für Heimatpflege e. V.